Extreme Manufacturing in der Medizintechnik

Ultrakurze Produktentwicklungszyklen in der Medizintechnik

Auf der Embedded Meets Agile 2015 hielt ich letzte Woche unter anderem einen Vortrag über Extreme Manufacturing in der Medizintechnik. Der Untertitel „Wie Sie in 24 Stunden ein fertig entwickeltes Produkt in Händen halten“ war bewusst etwas provokant gewählt. Noch sind solche ultrakurzen Produktentwicklungszyklen nicht realisierbar, dauern doch alleine die Freigabeprozesse und die Zusammenarbeit mit benannten Stellen oft mehrere Monate. Doch die Frage dahinter ist sehr ernst gemeint: Was können wir tun, um Entwicklungszeiten drastisch zu kürzen? Technologien dafür stehen genügend bereit.

Zu Beginn des Vortrags stand die Frage, ob agile Methoden wie Scrum auch in der Hardware-Entwicklung eingesetzt werden können. Häufig hört man zu diesem Thema, dass Scrum nur in der Softwareentwicklung einsetzbar sei, da die einzelnen Entwicklungsschritte in der Hardwareentwicklung wie zum Beispiel das Erstellen von Leiterplatten in der Elektronik oder das Erstellen von Molds in der Mechanik nun einmal prinzipiell mehrere Wochen benötigen und diese Zyklen durch keinerlei Maßnahmen verkürzt werden können.

Die Wurzeln von Scrum

Interessanterweise hat Scrum seine Wurzeln sogar in der Hardware-Entwicklung und es gibt einige äußerst spannende Projekte, bei denen Scrum die Hardware-Produktentwicklung deutlich beschleunigt und die Qualität dabei erhöht hat.

Ein äußerst erfolgreiches Projekt dieser Art ist WIKISPEED. Ins Leben gerufen von Joe Justice, wuchs dieses Projekt in kürzester Zeit auf ein international verteiltes Team aus über 40 freien Mitarbeitern. Innerhalb von 6 Monaten stand der erste fahrbereite Prototyp – klassische Automobilfirmen benötigen für eine solche Entwicklung ca. 7-10 Jahre.

Da die Automotive-Branche ebenso reguliert ist wie die Medizintechnik lag es nahe, voneinander zu lernen. So trafen wir Joe Justice vor einigen Monaten und fragten ihn nach seinen wichtigsten Erfolgsfaktoren. Diese sind aus seiner Sicht:

  • Frühes Scheitern
  • Hohe Entwicklungsgeschwindigkeit (auch aller Zulieferer)
  • Bildung eines Tribes

Diese Punkte können gut auch in die Medizintechnik übertragen werden. Das frühe Scheitern ist zum Beispiel eng verknüpft mit der Norm 62366. Auch wenn sich diese Norm auf dem Papier auf die Gebrauchstauglichkeit beschränkt, ist das Konzept auf verschiedenste Bereiche der Produktentwicklung erweiterbar.

Scrum führt auch aus unserer Erfahrung relativ schnell zu so starken Beschleunigungen in der Produktentwicklung, dass externe Zulieferer und Partner fast zwangsläufig auf dem kritischen Pfad landen. Ab diesem Punkt ist die noch engere Einbindung dieser Partner inkl. Schulung und Training agiler Methoden absolut erfolgsentscheidend.

Chancen für die Medizintechnik

Die Bildung von Tribes zu guter letzt hat sich in der Medizintechnik noch nicht durchgesetzt. Zu stark sind die Bedenken, dass sicherheitskritische Informationen aus Unternehmen abfließen und NDAs mit Kunden ein solches Vorgehen generell verhindern. In der anschließenden Diskussion zeigte sich jedoch sehr deutlich, dass disruptive Entwicklungen die Entstehung solcher Tribes sowohl fördern als auch benötigen.

Am Beispiel 3D-Druck hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wie eine Do-It-Yourself-Hobby-Entwicklung innerhalb weniger Jahre eine Branche verändern kann. Klar wurde auch, dass wir hier erst am Beginn einer umfassenden disruptiven veränderung stehen, die die Medizintechnik ebenso stark verändern wird wie das Aufkommen von Digitalkameras den Markt für Fotografie im letzten Jahrzehnt. Unklar ist lediglich noch, welche Unternehmen sich auf ihren alten Erfolgen ausruhen (und damit ebenso untergehen werden wie Kodak) und welche die sich bietenden Chancen dieser neuen Ära für sich nutzen.

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